Nach Sønderborg
Nach dem Aufstehen inspiziere ich zunächst den Windschutz. Es ist niemand da und die LED-Kette scheint aus zu sein. Sie wird über einen Schalter an- und ausgeschaltet, was das nächtliche Licht noch rätselhafter macht. Das Zelt ist nass, vor allem von innen. So etwas habe ich selten erlebt. Auch wenn die Sonne scheint, weht leider kein Wind. Ich trockne es mit einem Tuch und frühstücke erst einmal. Mit rund 15 Kilometern liegt die längste Etappe vor mir. Ich werde heute durch Sønderborg gehen und möchte dort noch einmal einen Hotdog essen.
Das Zelt wird nicht richtig trocken und so packe ich es leicht feucht ein. Es ist fast 10 Uhr, als ich loswandere. Keine 200 Meter später kommt mir schon der erste Wanderer entgegen. Nachdem ich gestern an einer preußischen Kanonenstellung zu Mittag gegessen habe, passiere ich heute eine dänische. Die Umrisse der Schanze sind mit Steinen markiert. Im Inneren sind noch Reste des Pulvermagazins zu sehen. Hier in Dybbøl Banke lag das Schlachtfeld zwischen Preußen und Dänemark im Jahr 1864, welches mit der großen Niederlage Dänemarks endete. Weiter oben im Hang liegt ein historisches Museum in der Nähe der Mühle Dybbøl Mølle.
Nach ihrem Sieg errichteten die Preußen eigene Befestigungsanlagen. Ein Stück weiter liegt die deutsche Schanze 12, die heute eine Viehweide mit Erdhügeln ist. Der Gendarmstien führt auf der Hangseite um das Gelände herum. In der Ferne kann ich bereits Sønderborg mit der St.-Marien-Kirche erkennen, während ich ein historisches Seezeichen in Form eines Leuchtfeuers passiere. Durch eine zweite, durch Erdwälle zu erahnende preußische Schanze erreiche ich die Sundgade, die mich zum Ufer des Als Sund führt. Auf der anderen Seite des Sunds liegt das Sønderborg Slot. Erst als ich mich umdrehe, sehe ich die Toilette, zu der ich wollte. Sie hat sogar eine Außendusche, allerdings sind die Temperaturen nicht mehr so warm wie am Anfang meiner Wanderung.
Ich wandere in Richtung Bahnhof und Brücke, die mich auf die andere Seite des Alssund bringen soll. Auch diese ist eine Klappbrücke, die sich direkt vor mir öffnet. Stündlich um Viertel vor öffnet sie sich. Das habe ich also gut abgepasst. Ich blicke zur Hafenpromenade herüber und hoffe auf eine Möglichkeit etwas zu essen.
Auf der anderen Seite führt der Gendarmstien zum Sønderborg Havn. Am Hafenkontor vorbei erreiche ich den Imbissstand Promenaden. Statt eines Hotdogs gönne ich mir dieses Mal einen Burger mit Pommes und eine kleine Zitronenlimonade.
Von Sønderborg nach Høruphav
Die Portion ist größer als erwartet. Pappsatt geht es weiter auf der Hafen-Promenade zum Sønderborg Slot. Das Backsteingebäude war der namensgebende Stammsitz des Adelshauses Schleswig-Holstein-Sonderburg und beherbergt heute ein Museum. Hinter dem Schloss mündet der Weg in die Strandpromenade. Diese ist mit Fliesen ausgelegt, was zwar schön aussieht, aber auf Dauer nichts für meine Wanderschuhe ist. Ich bin daher froh, als der Wanderweg am Badehaus des Sønderborg Vikingeklub plötzlich abzweigt und auf Naturboden durch den Kurhusskoven führt. Anschließend führt mich ein breiter Schotterweg zum Strand Sorte. Hier gibt es noch einmal die Möglichkeit, Wasser aufzufüllen. Da ich aber bis nach Høruphav will, wo es im Hafen Wasser gibt, fülle ich heute nur meine kleine Trinkflasche auf.
Langsam lasse ich Sønderborg hinter mir. Am Skydestranden passiere ich einen Gedenkstein für hingerichtete Widerstandskämpfer. An dieser Stelle wurden nach der Befreiung Dänemarks die Leichen von fünf Dänen gefunden. Frische Blumen und kleine dänische Flaggen deuten auf eine Gedenkfeier am 4. Mai hin. Entlang parkähnlicher Freiflächen erreiche ich den Laubwald Sønderskov.
Die Natur hat mich wieder, obwohl viele Radfahrer und Spaziergänger unterwegs sind. Nach rund 500 Metern erreiche ich die Häuser von Fiskerhytten. Früher wohnte hier der Förster, der zu deutschen Zeiten eine Schanklizenz besaß, um sein Einkommen aufzubessern. Vor allem im Sommer war es ein beliebtes Ausflugsziel. Direkt hinter dem Haus liegt der Haffsee Fredsmaj. Während der Gendarmstien ihn durch den Wald umgeht, gibt es auch einen Pfad, der direkt am Ufer entlangführt. Ich entscheide mich jedoch, den offiziellen Weg zu wandern, und erreiche nach einer Viertelstunde wieder das Ufer.
Nur ein Stück weiter liegt der Shelter Hejren. Direkt am Strand gibt es zudem einen primitiven Zeltplatz. Auf alten Bildern ist unterhalb der Steilkante noch Rasen zu sehen, doch inzwischen überwiegt der Sand und es gibt gleich mehrere Feuerstellen. Dafür liegt der Picknicktisch zertört vor dem Shelter. Da ich nur Erdnägel dabei habe, bin ich froh, dass ich meine Etappe bis Høruphav geplant habe.
Ich wandere weiter durch den Laubwald. Der Wanderweg folgt der Steilkante Klinting Hoved, sodass sich immer wieder schöne Ausblicke auf das Meer bieten. Schließlich mündet der schmale Fußweg wieder in den breiten Weg, auf dem auch die Radroute 8 (Østersøruten) verläuft. Am Ende des Waldes trennen sich beide Routen wieder. Für mich geht es wieder an die Küste. Dort wartet ein kleiner Strand mit Picknicktisch auf mich und ich esse eine Kleinigkeit. Weiter geht es an Rapsfeldern und blühenden Büschen vorbei in die Siedlung Lambjerglund. An kurz geschnittenen privaten Rasenflächen vorbei durchquere ich die Siedlung.
Im Wald Lambjerg Indtægt gibt es zwei Shelter, die auf Höhe des Vælddam liegen. Hier treffe ich einen Dänen, den ich am Vormittag schon kurz in Sønderborg gesehen habe. Er ist heute am Shelter ved Frydenlund gestartet und will morgen früh den Bus um 9 Uhr in Skovby erreichen. Wir unterhalten uns eine Weile, dann nehme ich den letzten Kilometer unter meine Sohlen.
Der Gendarmstien führt mich direkt zum großen, primitiv Overnatningsplads ved Lambjerg Indtægt. Die Wiese liegt direkt neben dem Yachthafen von Høruphav. Am Rand steht ein kleines Zelt, das ich schon im Alnor Strandpark gesehen habe. Es erinnert eher an eine Sandmuschel und ich bin mir nicht sicher, ob es zum Schlafen geeignet ist. Es scheint niemand da zu sein. Es gibt zwei Feuerstellen mit Picknicktisch. Ich wähle die, die näher am Hafen liegt, da sie auf drei Seiten durch Büsche gegen den Wind geschützt ist. Ich baue das Zelt auf und gehe zur Toilette im Hafen, um Wasser zu holen.
An den Platz grenzt die offizielle Hundewiese. Ich bekomme regen Besuch von Hundebesitzern, die mit ihren Hunden Gassi gehen und zwischen Zelt und Strand entlanglaufen. Dabei scheinen die Hunde weniger neugierig als ihre Besitzer zu sein. Am anderen Zelt taucht eine Frau auf, die erst einmal ihre Taschen und Tüten sortiert. Ich frage mich, wie sie auch noch in das Zelt passen soll. Damit ich nicht wie auf dem Präsentierteller sitze, gehe ich nach dem Essen noch zum etwa einen Kilometer entfernten Aussichtsturm Trillen. Er liegt südlich des Værdams und bietet einen Blick auf den von Schilf umgebenen See.
Zurück am Zelt wird es ohne Sonne schon kühl und ich gehe ins Bett. Die Seile der Yachten, die gegen den Mast schlagen, singen mich in den Schlaf. Gegen drei Uhr nachts wache ich auf. Meine Nachbarin führt laute Selbstgespräche, und ich bin froh, weit genug wegzuliegen. Sie schimpft über irgendetwas. Verstehen kann ich jedoch nichts, und die Sprache erkenne ich auch nicht. Zum Glück schlafe ich schon bald wieder ein.




