Abstieg ins Alisvággi
Ich wache früh auf. Draußen stürmt es und der Regen peitscht immer wieder auf das Zelt. Zum Glück treffen die Sturmböen nicht von der Seite, etwas mehr Windschutz hätte aber gut getan. Für mich steht heute eine kurze Etappe an. Ich möchte lediglich vom Höhenzug zum Kungsleden absteigen und dann durch das Gárddenvággi bis zur Brücke am Šiellajohka wandern. Als ich aus dem Zelt schaue, sehe ich den nächsten Regenschauer auf mich zukommen. Doch ganz so schlimm, wie es sich anhört, scheint der Regen nicht zu sein, denn hin und wieder brechen im Alisvággi Sonnenstrahlen durch die Wolken. Wenn nur der Wind nicht wäre! Wieder trifft eine Windböe auf das Zelt. Diesmal neigt es sich gefährlich nach unten. Ich drücke von innen gegen den Wind, damit die Stange nicht bricht. Als die Böe vorbei ist, sprintet er raus. Von zwei Abspannseilen hatten sich die Heringe losgeruckelt. Das ist schnell und einfach behoben.
Ich frühstücke. Das Garmin verspricht leider kein besseres Wetter. Im Gegenteil, die Windgeschwindigkeit der Böen soll auf über 90 km/h ansteigen. Ob mein Zelt das auch noch aushält? Ich packe lieber zusammen und warte eine Regenpause ab. Es gelingt mir sogar, das Zelt trocken einzupacken. Damit es nicht wegfliegt, beschwere ich es mit meinem Rucksack. Um 10 Uhr beginne ich mit dem Abstieg zum Kungsleden im Alisvággi. Ich quere den Seeabfluss und steige Richtung Raststuga Rádunjárga ab. Kaum bin ich im Steilhang, beginnt es richtig zu regnen.
Auf Kungsleden durchs Alisvággi
Rund 200 Höhenmeter tiefer erreiche ich den Kungsleden. Das schwierigste Stück ist geschafft. Es stürmt unheimlich stark. Der Wind, und damit auch der Regen, kommt von der Seite. Ich muss die Kapuze meiner Regenjacke auf der rechten Seite vorschieben, damit mir das Wasser nicht von der Brille in den Kragen läuft. Hier im Talgrund gibt es viele sumpfige Flächen, die über Bretterstege gequert werden können. Diese sind allerdings sehr rutschig. Ein Vater mit seinem Sohn kommt mir entgegen. Ich vermute, dass es zwei Japaner sind. Direkt vor mir trifft uns eine Windböe, die den Vater fast umhaut. Kunstvoll fängt er den Sturz mit einer Pirouette ab.
Als ich den Miesákjávri erreiche, ist es halb 12. Zwischen Rádujvri und Miesákjávri gibt es eine Furt, die auf die andere Seite der Seenkette führt. Diese gilt selbst bei Hochwasser als schwierig. Die Landzunge befindet sich unterhalb eines Hügels, auf dem ich eine kurze Snackpause einlege. Ich kann den Rucksack nicht nur auf einem Felsen trocken abstellen, sondern es ist auch gerade eine Regenpause. Mit Schokolade gestärkt, wandere ich weiter.
Schon von weitem sehe ich den Rentierzaun, der die Weidegebiete der Gabna und der Laevas Sameby voneinander trennt. Für den Kungsleden wurde eine massive Treppe gebaut, damit Wanderer darüber hinwegsteigen können. Mir kommen immer mehr Wanderer entgegen, die in Abiskojaure gestartet sind. Rucksackhüllen flattern im Wind und Regenponchos werden versucht zu bändigen. Jeder kämpft sich voran. Am Rentierzaun steht ein Schild, das für einen Boot-Shuttleservice über den Alesjaure wirbt. Die Kosten für einen Erwachsenen betragen 500 SEK, um die Wanderung um 5 Kilometer zu verkürzen. Für Kinder werden 200 SEK fällig, ebenso für den Gepäcktransport (wenn Platz ist).
Nun kann ich den Gáddenvárri sehen. Der Wind weht hier kräftig das östliche Alisvággi entlang und trifft auf keine großen Hindernisse. Der Kungsleden führt hinab in eine Senke, und schon von weitem kann ich beobachten, wie andere Wanderer einen Flusslauf über eine Holzbrücke queren. Fast jeder Zweite muss innehalten und hat Probleme, sich auf der Brücke zu halten. Zum Glück fällt niemand ins Wasser. Auch ich schaffe es trotz eines Windstoßes, wenn auch etwas verkrampft, trocken ans andere Ufer.
Der Weg steigt an, und dann bin ich an der Wegkreuzung. Nach links sind es fünf Kilometer bis nach Rovvedievva. Geradeaus sind es rund 8 Kilometer bis Abiskojaure. Und wenn ich rechts gehen würde, komme ich quasi zum Anfang meiner Wanderung nach Vuopmegeahi (14 km) und zur Mårmastugan (25 km). Das Schönste kommt aber von oben, zur Abwechselung scheint die Sonne. Ich suche mir einen trockenen Platz und esse Knäckebrot mit Käsecreme.
Abstieg durch das Gáddenvággi zum Šiellajohka
Von meinem Pausenplatz aus kann ich einige samische Holzhütten sehen. Zwischen Kungsleden und Rengärde liegt ein kleiner See. Trotz Sonne ist es durch den stürmischen Wind kalt, weshalb ich nach einer Viertelstunde weiterwandere. Bis zur Brücke sind es rund 250 Höhenmeter, die ich nun langsam absteige.
Der Kungsleden führt nun an der Ostflanke des Gáddenvárri entlang. Auf der anderen Talseite des Gáddenvággi liegt der Šiellanjunni. Die Hänge sind mit Weidengestrüpp bewachsen. Auch der Wasserlauf im Talgrund sieht sumpfig aus. Zum Glück bläst der Wind nun von hinten. Windschutz gibt es im Gáddenvággi aber nicht wirklich.
Ich nähere mich der Mündung des Baches in den Šiellajohka. Nach Osten hin kann ich die Gipfel von Tjåmuhas (Čoamohas) und Ballinbogičohkka sehen. Auf dem Bergrücken im Mündungsbereich befand sich früher die Kieronstugan. Diese ist jedoch niedergebrannt. In der Karte ist der Name noch verzeichnet und auch ein Trampelpfad ist eingezeichnet. Er eignet sich als Einstieg ins Šiellavággi. Ich halte die Augen offen, aber eine überzeugende Abzweigung sehe ich nicht.
Dafür kann ich nach Norden den Abiskojaure sehen. Ein Fjällbirkenwald kündigt die Brücke über den Šiellajohka an. Auch wenn der Fluss durch eine tiefe Schlucht fließt, gibt es auf beiden Seiten Zeltmöglichkeiten. Vor allem auf der Nordseite wird gezeltet, da die Grenze des Abisko-Nationalparks nicht mehr weit ist. Nach der stürmischen letzten Nacht möchte ich diesmal etwas mehr Windschutz haben und beschließe, mein Glück im Wald auf der Nordseite zu versuchen. Am Meditationsplatz kommt mir eine ganze Gruppe Wanderer entgegen. Sie haben den deutlichen Nachteil, dass ihnen Wind und Regen ins Gesicht blasen. Ich passiere einige ebene Flächen, die jedoch keinen wirklichen Windschutz für das Zelt bieten.
Kurz nach 15 Uhr erreiche ich die 24 Meter lange Hängebrücke über den rauschenden Šiellajohka. Auf der anderen Seite geht es ein Stück durch den Wald. Dann komme ich an ein Toilettenhäuschen und sehe die ersten Zelte stehen. Mir kommt ein Paar entgegen und links vom Weg gibt es eine freie Fläche. Ich biege schwungvoll ab, setze den Rucksack ab und schaue mich um. Die beiden schauen mich an und gehen dann weiter. Ich spüre, dass die beiden auch hierhin wollten. Die Fläche ist groß genug für zwei Zelte. Ich rufe, aber das Flussrauschen ist so laut, dass sie mich nicht hören. Also laufe ich hinterher und hole sie an der Brücke ein. Zunächst lehnen sie mein Angebot ab, nehmen es dann aber doch gerne an. Im strömenden Regen bauen wir unsere Zelte auf.
Der Wald füllt sich. Die Tür zum Toilttenhäuschen bekommt niemand auf und so richtig funktionell sieht sie auch nicht aus. Als ich eine kleine Abendrunde drehe, sehe ich weiter nördlich viel mehr Plätze. Meine niederländischen Nachbarn höre ich jedoch kaum, und dank des Rauschens des Šiellajohka haben wir alle eine ruhige Nacht.




