Jättegrytorna und Kebnekaise
Gegen 7 Uhr scheint kurz die Sonne ins Zelt und ich wache auf. Gestern habe ich einen Wegweiser zu den Jättegrytorna, den sogenannten Riesentöpfen oder Gletschertöpfen, gesehen. Diese möchte ich heute Morgen erkunden. Ich weiß zwar nicht genau, wo sie sich befinden, aber ich folge dem deutlichen Trampelpfad zum Láddjujohka. Etwas flussaufwärts stürzt sich der Fluss zwischen den Felsen in die Tiefe. Vermutlich hätte ich noch etwas weiter gehen müssen. Denn die Felsen sind hier nicht so aufregend durch das Wasser geformt worden. Zurück am Zelt frühstücke ich und rufe noch einmal den Wetterbericht ab. Als ich Tee kochen will, stelle ich fest, dass die 450 g Gaskartusche leer ist. Das ging viel zu schnell, aber ich bin froh, gestern gleich zwei 230 g Kartuschen gekauft zu haben. Aber werden diese mir bis zum Ende der Wanderung reichen?
Ursprünglich hatte ich geplant, von Westen aus ins Siŋŋivággi zu wandern und dort zu zelten. Bei gutem Wetter wollte ich von dort aus über die als Durlings Led bezeichnete Route auf den Sydtoppen des Kebnekaise aufsteigen. Der Sydtoppen, der aus Firneis besteht, ist mit 2090 Höhenmetern (Messung 2024) zwar nicht mehr der höchste Gipfel Schwedens, aber der felsige Nordtoppen mit 2097 Metern ist für mich unerreichbar.
Der Durlings Led verläuft vom Siŋŋivággi durch das Tal nördlich des Siŋŋibákti hinauf ins Kaffedalen, wo er auf den Västra Leden trifft. Wer bei diesem Namen an eine Pause denkt, liegt nicht falsch. Die Senke zwischen Vierranvárri und Kebnekaise wurde nach G. Durling benannt. Bei der dritten Besteigung des Kebnekaise legte seine Expedition am 8. August 1895 dort eine Kaffeepause ein. Der große Vorteil seiner damaligen Route ist der gleichmäßige Aufstieg bis ins Kaffedalen, die etwas kürzere Strecke und die geringeren Höhenmeter. Natürlich ist sie nicht so ausgebaut wie der Westweg. Dafür entfällt jedoch der Auf- und Abstieg auf den Vierranvárri.
Der Wetterbericht sieht für die nächsten Tage allerdings nicht so gut aus. Selbst wenn ich den Aufstieg nur mit leichtem Gepäck versuchen würde, wäre es für meine Knie besser, wenn ich auf die zusätzlichen 1.000 Höhenmeter verzichte. Ich beobachte noch einmal die Wanderer auf dem Westaufstieg. Dann siegt die Vernunft. Ich werde also direkt zum Neasketvággi wandern, das Siŋŋivággi auslassen und nicht auf den Spuren von Durling wandeln.
Durch das Láddjuvággi
Für mich geht es damit heute vor allem auf dem Dag Hammarskjöldsleden entlang durch das Láddjuvággi weiter nach Westen. Allerdings möchte ich die Abkürzung nach Sälka nehmen und nicht über die Singistugorna gehen. In das Neasketvággi komme ich über eine Hängebrücke über den Tjäktjajåkka (Čeakčajohka), die am Mádir liegt.
Um 9 Uhr wandere ich los und bin überrascht, wie viele Menschen in meine Richtung unterwegs sind. Tagsüber bin ich kaum allein. Einem älteren Paar begegne ich immer wieder. Wenn ich eine Pause mache, kommen sie vorbei, oder umgekehrt. Als ich aufwachte war der Himmel zwar überwiegend bedeckt, aber die Berge waren wolkenfrei. Nun hängen die Wolken tief bis ins Kaffeedalen. Allgemein sieht das Wetter aber nicht schlecht aus. Blaue Lücken versprechen etwas Sonne und im Gegensatz zu 2015 werde ich diesmal mehr vom Tal sehen.
Der Weg führt am Láddjujohka entlang durch das enge Tal zwischen dem Siŋŋičohkka und den Bergen Skárttoaivi und Liddubákti. Ich quere den Šiellajohka über eine schmale Brücke und halte dann eine Trailrunnerin unbemerkt auf, indem ich abrupt stoppe. Eben war sie noch nicht da. Sie scheint das komische Verhalten von uns Schnecken gewohnt zu sein und nimmt meine Entschuldigung lächelnd an. Mich interessiert jedoch der Einstieg ins Siŋŋivággi von der Ostseite. Hier stürzt sich der Siŋŋičohkka über den Wasserfall Silverfallet in die Tiefe. Die Schlucht ist eng und hat extrem steile Hänge, während das Wasser in einem Canyon fließt. Auf der rechten Seite soll eine Route mit Steinmännchen markiert sein, die ins Tal führt. Das wäre mir zu ausgesetzt und mit dem schweren Rucksack möchte ich auch nicht mehr kraxeln. Da ich aber sowieso nicht mehr ins Siŋŋivággi will, treibt mich eher die Neugier, nach einem Pfad zu suchen.
Während ich ein größeres Zeltlager passiere, beginnt auf der anderen Seite des Wegs ein Solowanderer seinen Tag. Der Wanderweg führt nun näher am Láddjujohka entlang. Er ist gut ausgetreten und die Geröllfelder vom Siŋŋičohkka lassen sich gut queren. Zwischen Skárttoaivi und Liddubákti stürzt sich ein Wasserfall ins Tal. Hier scheint die Halbzeit zwischen der Kebnekaise-Fjällstation und der Singi-Hütte zu sein, denn eine größere Wandergruppe mit Fjällguide macht hier Pause. Ich nähere mich langsam Láddjubahta mit seinen Seen. Das samische Wort bahta bedeutet Rückseite. Ich nähere mich also dem Ende des Tals.
Direkt nach den Seen zweigt ein Weg nach Süden in Richtung Kaitumjaure ab. Die Metallstange eines ehemaligen Wegweisers markiert diese Abzweigung. Das Schild befindet sich am nächsten Wegweiser, der sich an der Abzweigung zur Abkürzung nach Norden in Richtung Sälka befindet. Von hier aus steigt man zum See P. 980 auf. Beim Abstieg ins Tjäktjavagge hat man einen tollen Ausblick auf das Tal bis zum Tjäktjapass.
Aufstieg zum See P.980
Ich verlasse den Dag Hammarskjöldsleden und folge dem Wegweiser Richtung Sälkastugorna. Kaum bin ich vom Weg runter, mache ich am ersten Bach Mittagspause. Während ich meine Asia-Nudeln esse, findet die Sonne eine Lücke durch die Wolken. Als ich weiterwandere, kommen mir die ersten Wanderer mit Hüttengepäck von der Sälka-Hütte entgegen. Zwei junge Männer wollen mir Mut machen mit dem Spruch "es sei ganz schön steil". Ich denke jedoch direkt an den Mårmapasset und antworte nach einer kurzen Denkpause zu ihrem Erstaunen: "Ich bin schon Steileres gegangen". Was sollte ich auch anderes sagen? Zumal ich es bisher auch nicht als steil empfunden habe. Wir lachen zusammen und mir wird eine tolle Aussicht versprochen.
Nach rund 200 Höhenmetern erreiche ich die Nähe des Sees. Der Weg führt nördlich um den See P.980 herum, aber mich interessiert der Ausblick hinab zur Singistugorna und zur Sameviste Goržževuolli (Kårtjevuolle) der Girjas Sameby. Vor allem möchte ich versuchen, weit ins Neasketvággi zu blicken, an dessen Westende ich morgen eine Steilwand hinaufsteigen muss. Insbesondere interessiert mich die Schneelage im Tal, denn die Berge in Richtung Norwegen haben noch deutlich mehr Schnee. Ich verlasse den Weg und orientiere mich nach Süden in Richtung Steilwand, sodass ich an der Erhebung vor mir vorbeischauen kann.
Ich kann weit ins Neasketvággi blicken. An den Nordflanken von Stuor Ruška und Unna Ruškkaš liegt zwar noch einiges an Schnee, doch der Mádir versperrt die Sicht auf das Talende. Zumindest ist der Talgrund grün und weist nur wenige Schneefelder auf. Mehr werde ich morgen sehen.
Hoch über dem Tjäktjavagge
Es ist 16 Uhr und so langsam stellt sich die Frage des Zeltplatzes. Der Weg durch das Neasketvággi führt erhöht auf der Nordseite des Tals entlang. Dort oben gibt es kein frisches Wasser, da die Bäche vom Mádir vor allem nach Norden abfliessen. Kurz überlege ich, ob ich hier oben schon zelten soll, aber dann zieht es mich weiter.
Ich gehe zurück zum Weg und folge wenig später dem Bach aus dem kleinen See. Dieser bringt mich hinab in Richtung einer Rengärde unweit der Hängebrücke über den Čeakčajohka. Vor allem erhoffe ich mir von ihm eine gute Trinkwasserquelle. Ich steige langsam ab auf der Suche nach einem schönen Platz. Auf einer Ebene teilt sich der Bach in mehrere Arme und fliesst auf beiden Seiten einer Erhebung ins Tal. Hier ist recht feucht und im ersten Rinnsal gibt es komische Algen. Ich folge daher dem anderen Arm, der deutlich mehr Wasser hat. Das Bachbett ist hier felsig, aber neben der Erhebung finde ich einen sehr schönen ebenen Platz mit tollem Ausblick über das Tjäktjavagge und das Sälka-Massiv.
Ich baue das Zelt auf und schaue von meiner Luftmatraze Richtung Tjäktjapass. Während die Tomatensosse fürs Couscous einweicht, trinke ich einen Cappuccino und beobachte das Wolkenspiel über dem Tal.




