Weiter über die Čievrraláhku-Ebene
Als ich nachts gegen zwei Uhr aus dem Zelt schaue, sehe ich die Morgenröte über dem Mårmapasset. Um 6:20 Uhr wache ich erneut auf. Auch heute überwiegt der blaue Himmel. Dazu weht ein kräftiger Wind. Ich schaue in Richtung des Passes zwischen dem Darfálčohkka und dem Darfálčorru, über den ich nach Tarfala kommen würde. Doch eine Windböe vertreibt diesen Gedanken gleich wieder. Ich blicke noch einmal in die Ferne zum Mårma-Pass, über den ich vor drei Tagen gegangen bin, und betrachte ihn bei Tageslicht. Es ist bereits so warm im Zelt, dass ich aufstehen muss.
Um 8:30 wandere ich los. Der Fluss an meinem Zeltplatz führt immer noch zu viel Wasser für meine Wanderschuhe, weshalb ich den Tag mit einem Fußbad beginne. Bis ich die Schuhe wieder anhabe, ist die erste halbe Stunde schon um.
Meine Route führt entlang der Südostflanke des Darfálčorru. Laut Karte steigt die Route fast 100 Höhenmeter an, um dann wieder abzusteigen. Diesmal orientiere ich mich am Gelände statt an der Karte. Ich versuche, Blockfelder zu umgehen und dabei möglichst auf derselben Höhe zu bleiben. Bis zur Brücke über den Darfáljohka muss ich zudem weitere 500 Höhenmeter absteigen.
Nun überwiegen leicht begehbare, karge Flächen mit den typischen Heidekrautgewächsen des Kalfjälls. Ich habe einen weiten Blick über die Hochebene Čievrraláhku. Würde ich dem Čievrrajohka an seinem Südufer folgen, würde ich etwas westlich von Nikkaluokta auf den Dag-Hammarskjöld-Weg gelangen. Nach 1½ Kilometer beginne ich mit der langsamen Umrundung der Südostflanke des Darfálčorru. Es dauert nicht lange, und vor mir liegen die ersten Blockfelder. Diese sind aber gut zu queren. Auf den mit Steinen durchsetzten Heidekrautflächen muss ich ebenfalls bei jedem Schritt aufpassen, wohin ich trete. Das ist auf Dauer ermüdend, zumal sich die Landschaft nicht wirklich verändert. Es fehlen weiterhin die Rentiere.
Abstieg zur Brücke über den Darfáljohka
Langsam kommen die Berge südlich des Láddjuvággi in Sicht. Zunächst sind die Berge um den Urttočohkka zu sehen, dann der Einschnitt des Savuvággi. Je weiter ich um die Bergflanke komme, desto weiter kann ich nach Westen schauen. Als Nächstes kommen die Berge Savubákti und Skárttačohkka in Sicht. Und auch wenn ich hoch über dem Láddjuvággi wandere, kann ich das Tal selbst weiterhin nicht einsehen. Während einer kurzen Pause prüfe ich, ob ich Handyempfang habe, doch auch das ist noch nicht der Fall.
Als Nächstes kommen die Gipfel des Liddubákti und des Siŋŋičohkka in Sicht. Durch das dazwischenliegende Tal führt der Dag-Hammarskjöld-Weg zum eigentlichen Kungsleden. Dann kann ich tatsächlich den schneebedeckten Sydtoppen des Kebnekaise sehen. Hinter dem Bergrücken des Darfálčorru wirkt er allerdings eher unspektakulär. Weiter geht es über viele Steine. Immer, wenn ich denke, nun kann ich ins Láddjuvággi blicken, liegt eine weitere Geländestufe vor mir. Auf 1.120 Metern Höhe ist es endlich soweit und ich erblicke den Talgrund des Láddjujávri. Nun habe ich auch Handyempfang. Vor allem interessiert mich der Wetterbericht für die nächsten Tage. Dieser sieht nicht so berauschend aus, doch als ich die Gautelishytta abrufe, verbessert sich meine Laune. Vielleicht ist das Wetter Richtung Norwegen ja besser als befürchtet.
Der steilere Teil des Abstiegs beginnt in rund 1.100 Metern Höhe. 100 Höhenmeter tiefer kann ich schließlich die Kebnekaise Fjällstation sehen. Inzwischen versteckt sich der Sydtoppen des Kebnekaise hinter Wolken. Die Felsen werden weniger und das Dunkelgrün der Bodengewächse mehr. Ich suche weiterhin nach Steinmännchen, die mich zur Brücke über den Darfáljohka führen sollen. Diese liegt im Fjällbirkenwald.
Ich wandere immer der Nase nach abwärts in Richtung Fjällstation. Bis auf 690 Metern Höhe muss ich hinunter, und meine Knie melden sich schon wieder. Langsam nähere ich mich dem Waldrand und dem Darfálvággi. Dann stoße ich auf einen Trampelpfad, der mich zum Darfáljohka führt. An dessen Ufer geht es weiter bis zur Brücke.
An der Kebnekaise Fjällstation
Kaum bin ich an der Hängebrücke über den Darfáljohka angekommen, hat mich der Trubel wieder. Ich muss erst einmal warten, um die Filmaufnahmen eines Wander-Influencers auf der Brücke nicht zu stören. Wobei, so ein Photobombing hätte schon etwas. Ich quere den grauen Gletscherfluss, an dem ich heute ursprünglich entlangwandern wollte. Er fließt hier durch eine Felsenschlucht. Auf der anderen Seite stehen bereits die ersten Zelte. Weitere Wanderer überholen mich, die unheimlich nach Waschpulver riechen. Ich bin dagegen schon am achten Tag meiner Wanderung und das dürfte man trotz einfacher Shirt-Wäsche auch riechen.
Östlich der Kebnekaise Fjällstation liegt ein Wäldchen, in dem zwischen den Birken zahlreiche Zelte stehen. Hier darf man kostenlos zelten, sofern man sich mehr als 150 Meter von den Gebäuden und dem Hubschrauberlandeplatz entfernt befindet. An der Fjällstation gibt es ein Servicegebäude mit Toiletten, Duschen, Sauna, Küche und Trockenraum. Für die Benutzung muss an der Rezeption eine Servicecard erworben werden. Mir ist hier zu viel los und ich möchte heute noch weiterwandern. Zuvor möchte ich noch in der Butik einkaufen.
Die Butik befindet sich neben der Rezeption im Hauptgebäude. Ich benötige Gaskartuschen, da meine bereits sehr leicht ist. Ich kaufe zwei 230 g schwere Kartuschen. Zwar würde eine reichen, aber da es unsicher ist, ob ich später woanders noch eine bekomme, kaufe ich lieber zwei. Pasta steht ebenfalls ganz oben auf der Liste. Die Makkaroni werden nach Volumen verkauft. Ich fülle ab und lande bei 450 g, aus denen ich drei Mahlzeiten mache. In den Einkaufskorb kommen außerdem Kartoffelpüree, Knäckebrot, Tubenschmelzkäse, Schokolade und dreimal Ölkorv (Salami). Am liebsten hätte ich bei der Wärme ein Eis, aber es gibt stattdessen eine kalte Cola. Der Spaß kostet rund 64 € (717 SEK), wovon allein 23 € für die Gaskartuschen draufgehen. Nachdem ich die Lebensmittel von den Umverpackungen befreit und eingepackt habe, trinke ich die Cola. Den Müll kann ich im Hauptgebäude entsorgen und damit auch meine Müllsammlung der ersten Woche.
Es ist bereits nach 16 Uhr, als ich die Fjällstation wieder verlasse. Ich gehe den Expeditionshügel hinauf. Auf der Westseite des kargen Hügels mit dem Funkmast sieht es aus wie in einem Basislager im Hochgebirge. Die Zelte stehen auf kargem Boden und sind durch kleine, aufgeschichtete Steinmauern vor dem Wind geschützt. Trotzdem flattern die Zelte kräftig im Wind. Je weiter ich mich von der Fjällstation entferne, desto weniger Zelte stehen in der Landschaft. Als ich nach vorne schaue, sehe ich, dass sich hinter dem Duolbagorni inzwischen dunkle Wolken zusammengebraut haben.
Ich quere einen Fluss über eine Brücke. Er führt so viel Wasser, dass ich auf meiner Seite einen großen Schritt über einen Seitenarm machen muss, um sie zu erreichen. Nun geht es abwärts zur Hängebrücke über den Kittelbäcken (Giebmejohka). 2015 hatte ich am Westufer des Siŋŋičohkka gezeltet. Diesmal möchte ich an der Ostseite des Hügels zwischen Kittelbäcken und Láddjujohka zelten, da ich mir dort mehr Windschutz erhoffe. Vom Meditationsplatz aus führt ein Trampelpfad nach Osten. Nach kurzer Suche finde ich einen ebenen Platz an der Ostseite. Von dort aus habe ich eine tolle Aussicht auf das Láddjuvággi. Zudem kann ich den Kittelbäcken entlang bis zum Kaffedalen hinaufblicken. Dort liegt noch richtig viel Schnee.




