Einstieg ins Vierrovággi
Am Morgen weht ein leichter Wind, sodass die Mückenwolke vom Vorabend verschwunden ist. Bei strahlend blauem Himmel steht mir ein weiterer warmer Tag bevor. Bis zur Mårmastugan auf 1160 m Höhe sind es rund 450 Höhenmeter und 8½ Kilometer. Der Aufstieg führt stetig am Vierrojohka entlang.
Nicht weit von meinem Zeltplatz führt der Weg über eine Brücke auf die östliche Flussseite des Vierrojohka. Über diese Brücke führt auch ein Weg, der auf der südlichen Seite des Alivággi die Orte Alisjaure und Årosjåkk (an der Straße nach Nikkaluokta) verbindet. Um Viertel vor 9 Uhr breche ich auf. Beim nahen Schneefeld sammle ich noch etwas Schnee, um die Butter zu kühlen. Das Gelände ist tarassenförmig und vor mir erstreckt sich ein langezogenes weisses Schneeband. Ich steige lieber schon eine Stufe hinab und gehe unterhalb entlang. Das erweist sich als richtige Entscheidung, denn die untere Schneekante ist hoch und hätte einen Abstieg an der offiziellen Stelle mehr als schwierig gemacht. Dafür ist der Untergrund durch das Schmelzwasser nass.
Über eine stabile Holzbrücke gelange ich auf die andere Seite des kräftig rauschenden Gletscherflusses. Der Vierrojohka hat sich seinen Weg durch die Felsen gesucht und fließt etwas unterhalb auch durch einen Canyon. Oberhalb der Brücke hat der Fluss die V-förmige Schlucht Vierrugorsa geschaffen. Direkt nach der Brücke führt der Hauptweg einen Steilhang hinauf, während ein deutlicher Pfad direkt am Ufer entlangführt. Ich hole lieber die Karte heraus, aber es ist eindeutig: Ich muss den Hang hinauf und auf die andere Seite des Rentierzauns gelangen, bevor es im Tal aufwärts geht.
Die Öffnung im Rentierzaun lässt sich öffnen, indem ein Metallstab zur Seite gedrückt wird. Dieser ist mit einer Drahtschlinge an einem Holzpfosten gesichert. Um das Tor zu öffnen, muss ich den Metallstab in Richtung des Holzpfostens drücken. Das erfordert Kraft und ich benötige beide Arme. Dumm nur, dass sich die Schlinge zwar lockert, aber da ich meinen dritten Arm nicht dabei habe, fällt sie nach unten. Nach einigen Versuchen habe ich es geschafft und bin auf der anderen Seite. Zum Verschließen stelle ich den Rucksack ab und bekomme das Tor mit Hilfe der Schwerkraft einfach zu.
Die Wegmarkierung führt mich nun am Rentierzaun entlang bergan. Zwei Wanderer kommen mir entgegen. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie sie sich ebenfalls am Zaun abmühen.
Das Umdrehen hat sich gelohnt. Von hier aus habe ich einen guten Blick auf den nördlichen Berghang des Alisvággi und kann sehen, wo ich gestern entlanggegangen bin.
Durch das Vierrovággi
Der deutliche Pfad und die orangen Farbkleckse führen mich in den Steilhang der Schlucht. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, an der weiter oben gelegenen Renvaktarstuga vorbeizukommen. Die Holzhütte ist immer wieder zu sehen, aber ich komme ihr nicht wirklich nahe. Stattdessen erwarten mich Weidengestrüpp und Fjällbirken, die es zu umrunden gilt, während tief unten der Vierrojohka rauscht.
Unterhalb der Renvaktarstuga komme ich das erste Mal wieder zum Fluss und kann frisches, kühles Wasser abfüllen. Bei der Hitze ist das eine Wohltat.
Von nun an führt der Weg immer zwischen Steilhang und Ufer entlang. Trotz des Weidengestrüpps lässt es sich gut gehen. Es ist schon Mittag, als ich ein Zelt passiere. Ein steiler Erdwall kündigt die erste Flussquerung an. Hier will ich Mittag machen, aber vorher steht noch eine kleine Anstrengung bevor. Natürlich geht es die Steilkante hoch. Schnell sind die Höhenmeter geschafft.
Ein Blick auf den Wasserlauf verrät mir sofort: Hier gibt es nasse Füße. Ich ziehe meine Crocs als Watschuhe an und quere am Steinmännchen das Ufer. Dort suche ich mir einen Platz und mache Pause.
Weit oben im Tal erkenne ich eine dunkle Wand. Dort oben müsste sich der Mårma-Pass östlich des Vássačohkka befinden. Gerade als ich meine Sachen packe, kommt ein Wanderer zur Furt. Es ist ein Schwabe, der dasselbe Ziel hat und morgen ebenfalls über den Mårma-Pass gehen will. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, dann zieht er weiter, während ich fertig einpacke. Direkt oberhalb der Mündung gibt es einen flachen, schönen Zeltplatz. Aber auch für mich geht es weiter. Ich will heute bis zur Mårmastugan.
Nach der langen Pause ist es bereits 16 Uhr, als ich den schönen Flussabschnitt entlangwandere, an dem der Vierrojohka über Felsstufen in einen tiefen Canyon fließt. Immer wieder eröffnen sich mir tolle Ausblicke auf die reißenden Fluten unter mir.
Oberhalb dieser Passage fließt der Vierrojoki durch ein breites, steiniges Flussbett. Die grüne Vegetation schimmert deutlich seltener zwischen den Felsen hervor. Auf 1.000 Metern Höhe habe ich die hochalpine Zone erreicht.
Der zweite Nebenfluss des Vierrojohka, der vom Vierrojohkka herabfließt, ist größtenteils von einer Schneedecke bedeckt, aber einfach in Schuhen zu queren. Inzwischen kann ich die Mårmastugan auf den Felsen erkennen. Auch der dritte Fluss, der am Vierrojohka entspringt, ist leicht zu queren. Etwas weiter oben führt der Wanderweg noch einmal über ein flaches Stück mit Heidekrautgewächsen.
Kurz bevor ich die Mårmastugan erreiche geht es durch ein Stück mit viel grün in den Hängen. Ein Bach sprudelt hier und sorgt für gutes Trinkwasser. Ich überlege kurz, ob ich den Hang hinaufsteigen und nach einem Zeltplatz suchen soll. Da es nicht mehr weit bis zur Hütte ist, entscheide ich mich, erst einmal die Umgebung der Hütte zu erkunden und notfalls wieder zurückzugehen.
An der Mårmastugan
Gegen 18:30 Uhr erreiche ich die Mårmastugan. Sie liegt auf einem felsigen Sockel. Hier fließen die Gletscherflüsse von Moarhmmábáktiglaciären und Moarhmmáglaciären zusammen und bilden den Vierrojohka. Da ich niemanden sehe, vermute ich den Schwaben in der Hütte und klopfe an. Als niemand antwortet, öffne ich die Tür. Die Hütte ist leer.
Ich schaue mich um. Es gibt zwei von Steinen befreite, ebene Flächen, die von einem Steinring umgeben sind. Der Boden ist hart, aber ich könnte mein Tunnelzelt vermutlich dort hineinquetschen.
Neben der Mårmastugan gibt es eine Trockentoilette und ein zweites Gebäude mit zwei Räumen, von denen einer mit Müll gefüllt ist. Die Mårmastugan wurde 2022 renoviert und verfügt über zwei Pritschen. Im Gegensatz zu Notfallhütten ist hier die Übernachtung erlaubt. Im Gästebuch finde ich den Schweden von Tältlägret wieder. Er war, wie geplant, gestern schon hier. Ich vermute, der Schwabe ist weitergegangen. Laut OpenStreetMap soll es weiter oberhalb auch noch eine Zeltmöglichkeit geben. Ich entscheide mich, in der Hütte zu übernachten.
Es bleibt noch die Organisation von Trinkwasser. Der Gletscherfluss an der Hütte führt graues, schlammiges Wasser. Also nehme ich meine Platypus-Trinkblasen und gehe den Weg zurück zum kleinen Bach, um Trinkwasser zu holen. Anschließend koche ich Wasser für einen Cappuccino. Zum Abendessen gibt es Spaghetti mit Tomatensoße und noch einen Pott Tee. Das Thermometer im Deckelfach meines Rucksacks zeigt eine Maximaltemperatur von 50 °C an. Es grenzt an ein Wunder, dass die mit Schnee gekühlte Butter noch genießbar ist.
Nach dem Essen erkunde ich noch etwas die Umgebung. Vor allem möchte ich einen freien Blick auf den Mårma-Pass haben, um zu sehen, was mich morgen erwartet. Werden Schneefelder den Aufstieg verhindern? Als ich auf die nächste Erhebung steige, habe ich einen freien Blick auf die schwarze Wand. Zudem sehe ich das Zelt des Schwaben neben einem großen Steinmännchen. Am Fuße der Wand gibt es ein Schneefeld, das ich queren muss; ansonsten ist der Berghang mit den Blockfeldern überwiegend frei. Der Abstieg auf der anderen Seite ist nicht so steil wie der Aufstieg. Da der Wetterbericht auch für den nächsten Tag gut ist, bin ich optimistisch, den Mårmapasset dieses Mal bei guten Bedingungen bewältigen zu können.
Gegen 21 Uhr verschwindet die Sonne hinter dem Mårma-Massiv. Es wird etwas dunkler und die Temperatur sinkt. Da es auch spät noch sehr hell ist, rechne ich weiterhin mit anderen Wanderern. Aber es kommt niemand, sodass ich eine ruhige Nacht habe.


Mårmastugan STF
Die Mårmastugan im Vierrovággi (Kirunafjällen) gehört zwar zum STF, kann jedoch nicht gebucht werden. Die Übernachtung ist kostenlos. Neben zwei Holzpritschen zum Schlafen, gibt es eine Trockentoilette. Die Hütte wurde 2022 renoviert und erfreut sich einiger Beliebtheit.
68°5'44" N, 18°45'56" E
09.2025


