Auf dem Rallarvägen nach Vassijaure
Die Nacht am Vássejohka ist wider Erwarten ruhig und auch am Morgen fährt kein Zug. Nach dem langen Wandertag gestern wache ich erst spät auf. Ich habe Zeit, aber da für den Nachmittag Regen angekündigt ist, packe ich zusammen. Ich will weiter auf dem Rallarvägen bis nach Vassijaure wandern. Vom Bahnhof aus führt ein Pfad hinauf ins Geargevággi. Ursprünglich wollte ich heute bis zum Geargejávri (Trollsjön bzw. Rissajávri) wandern. Von dort aus wollte ich über den Harpasset in das Latnjavággi und am dritten Tag ins Gorsavággi bis kurz vor die Nationalparkgrenze wandern. Ich verspüre jedoch keine große Lust, in den Wolken über den Harpasset zu gehen.
Gegen 10 Uhr steige ich von meinem Schwemmhügel ab zur Rasthütte. Hier steht eine Informationstafel zum Beredskapsminne Vassijokk (Denkmal aus der Bereitschaftszeit). Nachdem 1940 Narvik angegriffen hatte, wurden entlang der Eisenbahnlinie eine ganze Reihe von Verteidigungsanlagen gebaut, um den Einfall deutscher Soldaten nach Schweden zu verhindern. An der Brücke über den Vássejohka boten sich die Hügel südlich der Brücke an. Neben Maschinengewehrstellungen gab es auch einen Beobachtungsturm und diesen soll man heute noch sehen können. Ich steige auf den Hügel nördlich, sehe aber ausser Landschaft nichts.
Ich quere den Vássejohka und wandere weiter den Rallarvägen entlang. Dieser führt durch herbstlich verfärbten Birkenwald. Neben einem kalten Wind sind über Nacht Wolken aufgezogen. Der Weg führ timmer an der Bahnlinie entlang. Ich strosse auf eine grosse Aluminiumkugel die einmal ein Blech war. Vermutlich ist sie von einem Waggon gepurzelt. Kurz geht es einige Meter auf der E10, dann zweigt ein Trampelpfad wieder vom Strassenrand ab und es geht weiter durch den Wald.
Schon bald kann ich den markanten Bahnhof von Vassijaure sehen. Das Ziegelgebäude wurde im Zuge der Elektrifizierung im Jahr 1914 errichtet. Es beinhaltet neben dem Bahnhof auch ein Umspannwerk, welches heute nicht mehr in Betrieb ist. Neben Vassijaure gibt es baugleiche Gebäude in Torneträsk und Abisko Östra. Ich umgehe ein Feuchtgebiet und lande auf einem Platz mit Dauercampern. Zwar gibt es keinen Wegweiser, aber eine Informationstafel zum Rallarvägen, der in Vassijaure auf die Südseite der Bahnlinie wechselt. Im Bahnhofsgebäude gibt es einen kleinen Wartesaal mit Toilette. Ich nutze die Gelegenheit für eine Pause. Ich esse Knäckebrot mit Salami. Die Steckdose ist ohne Spannung, man kann es ja mal versuchen. Draussen fährt der erste Güterzug des Tages vorbei. Das Regenradar gibt mir noch 90 Minuten, bis es anfängt zu tröpfeln. Etwas mehr Zeit bleibt mir, bis das Tiefdruckgebiet richtig über mich ist. Ein kurzer Blick auf die Karte und ich entschliesse mich heute bis zum ersten Fluss vom Vássečohkka aufzusteigen.
Aufstieg ins Geargevággi
Ich verlasse den Wartesaal und wechseln die Seite der Bahnstrecke. Dazu gibt es hier eine Unterführung. Dunkel geht es eine Treppe hinunter. Zum Glück geht das Licht an als ich eintrete. Der Gang ist kalt und feucht, aber sicher. Auf der Südseite folge ich dem Fahrweg. Wegweiser gibt es hier nicht. Als ich die letzten Häuser hinter mir lasse fange ich an zu zweifeln, ob ich nicht schon zu weit gegangen bin. Auf meiner Karte ist leider die entscheidene Stelle mit dem Bahnhofspiktogramm verdeckt und meine Route wäre auch schon abgezweigt. Dann zweigt doch noch ein Fahrweg ab und nach einer Kurve treffe ich auf einen deutlichen Pfad, der in die richtige Richtung führt.
Ich steige zügig auf. Ein eiskalter Wind weht und ich hoffe einen Zeltplatz mit Windschutz zu finden. Der Fluss vom Vássečohkka fliesst über einen Wasserfall ins Tal und ist von weiten zu sehen. Unterhalb liegt im Tal eine Geländestufe aus grossen Felsbrocken. Kurz habe ich Zweifel, ob es dort möglich ist einen Zeltplatz zu finden, aber dann kann den unteren Bereich einsehen. Es fängt an zu nieseln und ich setze zum Endspurt an. Weiter oben im Gelände kommen mir zwei Wanderer mit Hund entgegen. Sie scheinen den Pfad verloren zu haben und als sie mich sehen ändern sie ihre Richtung. Bellende Hunde mag ich nirgends. Der Fluss verzweigt sich in zwei Arme, die ich beide mit Wanderschuhen überschreiten kann. Auf der Insel wäre ein schöne Platz, aber ausgesetzt und auf dem Präsentierteller. Ich folgen den Fluss abwärts und baue hinter einer Bodenwelle mit Felsen mein Zelt auf.
Kaum steht es, höre ich den nächsten Hund bellen. Eigentlich wollte ich noch Wasser holen, da das Hundegebell aber näher kommt, bleibe ich erst einmal im Zelt. Die Rufe werden lauter, dann scheint der Hund umzudrehen. Es dauert eine ganze Weile bis sie weiter gehen. Aus Niesel wurde inszwischen Regen und so begnüge ich mich ersteinmal mit einer Heissen Tasse.
Vom meinen Platz habe ich einen schönen Blick über die Kuokkel-Hochebene bis zum nördlichsten Nationalpark Schwedens, dem Vadvetjåkka Nationalpark mit dem Vádvečohkka. Und ich habe Handyempfang und prüfe noch einmal das Regenradar. Es wird weiterhin regnen und so packe ich meine Sachen aus und richte mich richtig ein.
Als der Regen kurz nachlässt, fülle ich meine Wasserbehälter auf und verkrieche mich wieder ins Zelt. Auch heute gibt es Penne all’arrabbiata. Ich studiere die Karte und überlege wie ich weiter wandere. Über die Berge möchte ich bei schlechten Wetter eigentlich nicht. Vor zwei Jahren war ich bei besten Wetter über den Harpasset gegangen. Zudem zwickt mein Knie bergab und ich bin noch langsamer als gewohnt unterwegs. Morgen geht es auf alle Fälle zum Geargejávri (Trollsjön bzw. Rissajávri). Und dann? Ich könnte zur Raststuga Låktatjåkka im nächsten Seitental wandern. Erst gegen 21 Uhr hört es auf zu regnen.
Mitten in der Nacht wache ich auf. Draussen stürmt es und das Innenzelt liegt fast auf meiner Nase. Ein deutliches Zeichen, dass sich ein Hering gelöst hat. Aber als ich nachschaue, sind alle noch an Ort und Stelle. Der Wind hat leicht gedreht. Er kommt nun als Fallwind vom Vássečohkka und trifft seitlich auf das Tunnelzelt. Wieder im Zelt habe ich Angst, das es die Belastung nicht aushält. Ich lege den Rucksack so auf die Seite, dass er das Zelt der Länge nach stützt. Das scheint zu funktionieren und schon bald schlafe ich wieder ein.




