Abstieg von den Luoktekjávrrit-Seen ins Alisvággi
Am morgen wache ich von Geräuschen auf. Da ist doch jemand. Ich lausche. Direkt neben dem Zelt knackt es merkwürdig und dann wird mir klar, ich habe Besuch von Rentieren. Wenn Rentiere gehen, dann springt eine Sehne hörbar bei jedem Schritt an den Fußgelenken über einen Knochenvorsprung. Es hört sich an als würden die Knie knacken. Es sind mehrere Tier, die mit Grunzgeräuschen kommunizieren. Still liege ich da und lausche, wie sie sich langsam entfernen.
Als ich aus dem Zelt schaue hängen die Wolken tief. Ich kann zwar das andere Ufer des Pajep Luoktejaure sehen, aber oberhalb der kleinen Geländestufe ist dicker Nebel und ich bin froh, dass ich gestern so gute Sicht hatte. Richtung Alisvággi sieht es deutlich besser aus. Während ich frühstücke rufe ich erneut einen Wetterbericht ab. Es soll weiterhin heute trocken bleiben, aber morgen regnen.
Ich werde also auf der Westseite des Alisvággi Richtung Alesjaure wandern. Früher stand die Hüttenanlage rund drei Kilometer weiter südlich und der Kungsleden führte am Westufer entlang. Über eine Furt auf Höhe der Renvaktstuga würde der Aliseatnu gequert. Nachdem im März 1979 eine der Hütten abgebrannt war, entschied man sich in Zusammenarbeit mit der örtlichen Sameby für den heutigen Hüttenplatz und einer Wegführung auf der Ostseite des Aliseatnu. Ich hoffe also zwischen Furtplatz und der 1984 neu erbauten Alisjaurestugorna auf Reste des ehemaligen Kungsledens zu treffen.
Inzwischen haben sich die Wolken gelichtet und ich kann sogar kurz den Wasserfall vom Gletscherabfluss des Rivgojiehkki sehen. Als ich jedoch das Zelt einpacke, kommt von Südwesten eine graue Wand auf mich zu und ich ziehe lieber die Regensachen an. Um 9:20 komme ich los. EinPfad führt mich durch verblocktes Gelände zum Vuolep Luoktejaure, dem grösseren der Luoktekjávrrit-Seen. An seiner Nordseite gibt es eine Steilwand, aber sie lässt genauso wie der Bach gut passieren. Auf der Ostseite des Sees erwartet mich Grasheide und von nun an ist das Wandern deutlich einfacher.
Hinter mir ist die Regenwand wieder verschwunden, jedoch weht weiterhin ein kalter Wind. Auf der anderen Talseite mündet zwischen Alip und Lulip Muorahisčohkka das Hochtal Muorahisvággi. Der Muorahisjohka fliesst in einer felsigen Rinne hinab. Der Weg steigt leicht an, um dann zum Luokteluoppal abzusteigem. Das Ufer ist sumpfig und so orientiere ich mich weiter oben im Gelände. Immer wieder treffe ich auf mehr oder weniger deutliche Pfade, denen ich folgen kann. Auf der anderen Talseite erhebt sich der Lulip Muorahisčohkka, der inzwischen wolkenfrei ist.
Vom Bergrücken Luokteknjira stürzt sich der Fluss aus dem Ážikriehppi in einer engen Schlucht ins Tal. Er führt gut Wasser und stellt das erste Hindernis da. Im Talgrund verzweigt er sich und fliesst in einer grossen Breite über ein breites Kiesbett. Ich schaue ob ich in Wanderschuhen im Zackzack ans andere Ufer komme, aber am Ende gehe ich auf Nummer sicher und wechsele in die Crocs. Am andere Ufer stosse ich auf einen Trampelpfad und einen zerbrochenen Holzstab, vermutlich die Reste eines Wegweisers. Auch wenn hier noch nicht der Kungsleden verlief, vermute ich einen alten Weg zum Rivgojiehkki.
Auf der anderen Seite öffnet sich zwischen Lulip Muorahisčohkka und Šielmmáčorru der Blick in das Tal hinauf zum Tjäktjapasset. Im unteren Teil liegt eine Geländestufe, über die der Kungsleden hinauf führt. Ich folge weiter einem deutlichen Pfad und passiere weitere Zuflüsse, die ich alle in Schuhen überschreiten kann. Mein Magen meldet sich für eine Mittagspause und so nutze ich den letzten Bach als Wasserquelle und esse Aisa-Nudeln während ich die ersten Wanderer auf der anderen Talseite ins Alisvággi absteigen sehe.
Auf dem ehemaligen Kungsleden durch das Alisvággi
Ich wandere weiter am Ufer des Aliseatnu entlang. Die Steilwand des Ážik kommt in Sicht und damit auch die ehemalige Furt des Aliseatnu. Dieser verbreitert sich hier und teilt sich in mehrere Arme auf. Am anderen Ufer soll ein markanter Hügel stehen, der zur Orientierung dienen kann. Ich folge einem undeutlichen Pfad mit einigen Abstand zum Ufer. Auf der anderen Seite kann ich die Tjäktjastugan unterhalb der Steilwand des Lulip Muorahisčohkka sehen. So wirklich kann ich die Furt nicht ausmachen, aber wenig später treffe ich auf grosse, alte Steinmännchen. Der ehemalige Kungsleden ist erreicht und ich hoffe nun etwas zügiger voranzukommen.
Zwischen Steilwand des Ážik und dem Ufer des Aliseatnu ist nicht soviel Platz, aber die Engstelle ist breiter als befürchtet und problemlos über Grassoden passieren. Auf der anderen Talseite tront der Bossosvárás. Der Aliseatnu verengt sich nun und fliesst über kleine Gefällestufen durch eine enge Schlucht.
Nördlich des Ážik liegt des Guŋgarriehppi mit seinen zwei Seen, aus denen der Guŋgarjohka entspringt. Auf der Nordseite des Tals liegt der 1442 Meter hohe Guŋgar. Statt zum unteren See aufzusteigen und morgen über den Pass nördlich des Guŋgar zu gehen, bleibe ich aufgrund der Wettervorhersage lieber hier unten im Alisvággi und wandere weiter Richtung Alesjaure. Im Hang hinauf zum See äst eine Gruppe Rentiere mit mächtigen Geweihen. Sie beobachten mich zwar, lassen sich aber nicht stören, als ich vorbei ziehe. Der Guŋgarjohka stellt das nächste Hindernis da. Er führt gut Wasser und obwohl er sich vorder Mündung in mehrerer Arme verzweigt, ist der Wasserstand zu hoch für mich. Statt lange zu suchen, wechsel ich schnell in die Crocs und quere die Arme über die Kiesbänke. Nach einer kurzen Stärkung geht es weiter.
Es weht inzwischen ein kräftiger Wind. Zwar kann ich nun einen Großteil der Berge sehen, aber es ist recht kalt. Da der Weg über Alisjaure nach Unna Allakas länger ist, als über den Pass am Guŋgar (aber vermutlich weniger anstrengend) will ich heute möglichst dicht an die Alisjaurestugorna kommen. Der alte Kungsleden ist bis auf wenige Ausnahmen, deutlich sichtbar und mit Steinmännchen markiert. Ich stosse ein paar Mal auf die Reste von Bretterstegen, die inzwischen abgebaut sind. Über Gras- und Sumpfflächen komme ich gut vorran. Auch die Bäche aus dem Gárderiehppi stellen keine Hindernisse da und so überlege ich in der Nähe der alten Alisjaurestugorna zu übernachten.
Nachdem 1984 die Alisjaurestugorna an ihrem neuen Hüttenplatz eingeweiht wurden, brannten 1985 die Gebäude am alten Platz ab. Noch heute soll man Geschirr, Besteck und andere nicht brennbare Dinge dort finden können. Zwar kenne ich nicht den genauen Ort, aber sie soll rund drei Kilometer weiter südwestlich vom heutigen Standort an einem Wasserfall des Aliseatnu gestanden haben. Eigentlich erwarte ich, dass mich die alte Wegmarkierung automatisch dort hin führt.
Ich passiere den Taleingang des Unna Visttasvággi und kann durch das Tal die Steilwand des Vássačorru sehen. Vor zwei Jahren war ich dort entlang gewandert und hatte unterhalb am Visttasjohka gezeltet.
Über grosse Wiesenflächen wandere ich weiter durch das Alisvággi. Sie sind beliebte Sommerweiden der Rentiere, weshalb der Kungsleden auf die Ostseite verlegt wurde. So spät im Sommer sehe ich jedoch nur wenige Tiere. Dafür sehe ich inzwischen den Durkkečohkka am Eingang zum Visttasvággi. Auf dessen Höhe steht die neue Hüttenanlage der Alisjaurestugorna. Es wird also Zeit einen Zeltplatz zu finden und Füsse und Knie stimmen zu.
Wenig später stehe ich am Bach, der am Gárdečohkka entspringt und unterhalb eines Wasserfalls in den Aliseatnu mündet. Die Abzweigung zum alten Hüttenplatz habe ich vermutlich schon passiert. Der Wind hat weiter aufgefrischt und ich so suche in Wassernähe einen windgeschützen Platz. Das gestaltet sich etwas schwieriger als erhofft, aber nach einiger Suche im Gelände werde ich fündig. Um kurz vor 19 Uhr steht das Zelt. Ein schnelles Essen muss her und so gibt es erneut Spaghetti mit Tomatensauce. Diesmal aber mit Pilzen, etwas Abwechselung muss sein.




